Regenmassen

Regen-Garten

Ich bin wohl nicht normal, glaube ich. Aber normal sein wäre ja auch langweilig.

Da goss es wie aus Kübeln, schlimmer als in Goethes Zauberlehrling (ich muss zugeben, ich habe hier die Disney-Version vor Augen), doch ich blieb gelassen. In den letzten Tagen kam das ja öfter vor. Der Garten stand teilweise knöcheltief unter Wasser – auch nicht das erste Mal diesen Monat. Halb so schlimm.

In der Ferne gingen die Feuerwehrsirenen los, unser Hund hob lauschend den Kopf, denn seine Hunde-Freundin aus der Nachbarschaft hat die Angewohnheit, bei jedem Sirenenklang loszubellen. Darauf wartet unser Wusel immer, um dann in ein leises Winseln zu verfallen. Vermutlich sehnt er sich nach der felligen Dame.

Es blitzte, es donnerte. Hundchen schaute mich mit einem leisen Uffzen an. Normalerweise bellt er los, wenn sich draußen etwas Lautes tut, obwohl er genau weiß (denke ich zumindest), er soll ruhig bleiben. So langsam fruchtet meine „Erziehung“, freute ich mich und lobte ihn.

Nachdem es nun schon viel zu lange so stark regnete, ging ich doch mal in den Keller, um nach dem Rechten zu sehen. Durch die Waschküche geht’s in die Garage, gemauerte Stufen trennen die Räume voneinander. Ich öffnete das Garagentor, so ein altes mit zwei Flügeltüren aus Holz, und kontrollierte den Abfluss und die steile Zufahrt. Alles bestens, das Wasser floss gut ab. Ich stand da noch eine Weile und beobachtete die Wassermassen. Was für ein Geprassel!

Und dann ging alles total schnell. Die Kanalisation geriet an ihre Grenze und schluckte nichts mehr. Innerhalb weniger Sekunden stieg das Wasser in der Senke vor unserem Garagentor. Ich schnappte mir den Besen und wollte das Wasser zurück fegen. Eigentlich war mir klar, dass das nicht viel bringen würde, aber in der Not versucht man alles mögliche. Wenige Augenblicke später stand ich schon knöcheltief im Wasser. Ich watete zurück in die Waschküche, beobachtete, wie schnell das Wasser stieg, und wusste, es würde die Stufe problemlos überwinden, wenn es nicht augenblicklich aufhören würde zu regnen. Mein Blick fiel auf die Pumpe, mit der wir vor Jahren mal den Keller ausgepumpt hatten. Natürlich war kein Schlauch an ihr montiert. ich rannte also in den Garten, wurde schlagartig durchnässt und dachte noch, wie angenehm der Regen war. Frisch, aber nicht kalt. Mit dem Gartenschlauch bewaffnet lief ich zurück in den Keller. Das Wasser in der Garage stieg noch immer. Inzwischen war mein Sohn runtergekommen. er schleppte die Pumpe ins Wasser, ich wollte den Schlauch befestigen – passte natürlich nicht. Also drückte ich meinem Sohn das eine Schlauchende in die Hand und hielt das andere einfach auf den Anschluss an der Pumpe. Besser ein bisschen Wasser abpumpen als gar nichts, dachte ich mir. Junior stand schon an der Kellertreppe nach draußen und hielt den Schlauch in den Garten. Stecker in die Steckdose, Schalter drücken und … Nichts! Die Pumpe funktionierte nicht. Wieso nur haben wir ein defekte Pumpe in der Waschküche stehen, fluchte ich. Das Wasser hatte eine bedrohliche Höhe erreicht, nur noch 1 Zentimeter, dann würde es sich in den nächsten Raum ergießen.

Ich ließ die Pumpe in den Fluten stehen, warf das Kabel noch über den Außenspiegel des in der Garage parkenden Autos und schloss die Tür, suchte nach allen möglichen Handtüchern und Putzlappen (glücklicherweise hat mein Mann als Handwerker viele davon in seiner Werkstatt rumliegen), stopfte das Ganze entlang der unteren Türritze und schob die Getränkekisten als Blockade davor. Mehr konnten wir nicht tun. Es hörte nicht auf zu regnen. Ich sah mich um, stellte das, was nicht nass werden sollte, hoch oder in nächsten Raum, dann ging ich wieder nach oben.

Ich dachte an die armen Menschen in Bayern, die es sehr viel schlimmer getroffen hatte, während ich von unserer Haustür aus den Regen beobachtete. Unser Hund stand neben mir, die Nase schnüffelnd in die Luft erhoben. Der frische Geruch gefiel ihm, aber das nicht enden wollende Nass überhaupt nicht. Also zog er sich wieder zurück auf seine Decke und beobachtete aus der trockenen Entfernung heraus das Wetter und sein Frauchen.

Ich war erstaunlich ruhig, fühlte mich richtig klasse. Im Nachhinein wundere ich mich darüber, wie mir die Aktion sogar gefallen hatte. Es war das Gefordertsein. Das etwas Sinnvolles tun, etwas retten wollen (wenn auch im kleinen betrachtet), etwas richtig getan zu haben. Und ein bisschen Stolz. Genauso ging es mir vor einigen Jahren, als die Polizei einen Flüchtigen durch unseren Garten verfolgte und ich meinen damals noch kleinen Sohn beschützen wollte (eine andere Geschichte, die ich Euch gerne erzählen kann, wenn es Euch interessiert). In Notsituation entwickeln wir Menschen ungeahnte Kräfte, und auch wenn die Geschehnisse nicht angenehm sind, solange sie am Ende glimpflich ablaufen, fühlen wir uns gut. Denke ich. Oder? Vielleicht bin ich aber auch nicht normal …

Die Waschküche blieb übrigens so gut wie trocken. Nur ganz wenig Wasser kam aus der Garage, die Tücher haben ihren Zweck erfüllt. Als es aufhörte zu regnen, kontrollierte ich mehrmals von außen den Wasserstand vor dem Garagentor, und als er niedrig genug war, öffnete ich die Kellertür wieder und fegte die restlichen Wassermassen nach draußen. Geschafft!

(Das Foto ist vor einigen Tagen in unserem Garten am Haus entstanden, als es nicht ganz so schlimm regnete und ich noch Zeit zum fotografieren hatte.)

 

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3 Gedanken zu “Regenmassen

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