27 Jahre hinterlassen Spuren

Manchmal glaube ich, das Internet (bzw. mein Monitor …) kann meine Gedanken lesen. Ich weiß, alles basiert auf meinen Suchanfragen, aber kann es wirklich sein, dass die Seiten und Blogs, genau das posten, was mich gerade berührt? Oder sind die nur so professionell, dass alles, was sie posten, immer auf jemanden zutrifft?

Da lese ich Überschriften wie:

„35 kurze Gedanken zum Loslassen und Akzeptieren“ (mymonk.de/loslass-zitate/)

„10 Gedanken, wenn du deine(n) Ex loslassen willst!“ (mymonk.de/10-gedanken-ex-loslassen/)

Aber bevor ich diese Beiträge jetzt lese, halte ich mal meine eigenen Gedanken fest. Die Trennung von meinem Mann fühlt sich merkwürdig an, obwohl ich sie nach wie vor für richtig halte. Wir haben uns absolut auseinander gelebt. Er nervt mich im Alltag, und doch habe ich das Gefühl, wir gehören zusammen. So als wären das jetzt die schlechten Tage. Allerdings dauern die nun schon einige Jahre an, und ich will mein Leben nicht mehr damit verschwenden, mich schlecht und schuldig zu fühlen, oder kontrolliert und mit einem Kloß im Magen. Ich fühle mich wie eine Gefangene und alles andere als wohl. Trotzdem habe ich Angst vor der Zukunft. Selbst wenn ich mir alles in den schönsten Farben ausmale. Mein Verstand weiß, es ist der richtige Weg. Auch für meinen Bauch, meine Gefühlswelt. Und doch regt sich immer wieder dieses einstmals gegebene Versprechen, das ich absolut ernst gemeint hatte: „In guten und in schlechten Zeiten.“ und … „Bis dass der Tod uns scheidet.“

Damals gaben wir uns ein ungewöhnliches Eheversprechen. Der Pastor schlug es vor. Es erfüllte genau unsere Partnerschaft und unsere Wünsche. Leider habe ich diese Worte nicht mehr parat. (Schon komisch, bei all dem, was ich aufgehoben habe, ist der Zettel von damals nicht dabei.) Wir saßen früh morgens im Auto, parkten vor dem Supermarkt und warteten auf die Öffnung, um für unseren Polterabend einzukaufen, und wir übten unser Gelöbnis. Sobald wir uns in die Augen sahen, was wir ja vor dem Altar ja tun wollten, verfielen wir in großes Gelächter.

Es war alles so natürlich und ehrlich damals.

Irgendwann während all unserer gemeinsamen Jahren schwand die Ehrlichkeit und machte der Vernunft Platz, die versuchte, es dem Anderen Recht zu machen, ihn zu verstehen, für Frieden zu sorgen. Und damit begannen sich unsere Wege zu spalten. Anfangs bemerkten wir es nicht, aber nach und nach wurde es deutlich und auch emotional spürbar. Viele Jahre unterdrückten wir unsere Zweifel. Da ist zu viel, was uns verbindet. Nicht nur unser Sohn. Und doch passen wir nicht mehr zusammen, können wir nicht mehr harmonisch miteinander weitergehen. Deshalb ist die Trennung auch das Beste, was wir tun können. Für unser beider Wohl.

Ich weiß es, und doch habe ich Angst vor der Zukunft. 27 Jahre hinterlassen ihre Spuren.

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3 Gedanken zu “27 Jahre hinterlassen Spuren

  1. Meine längste auseinandergegangene Beziehung dauerte 15 Jahre, also schon eine ganze Ecke weniger.
    War ber ähnlich: Man hat sich einfach in andere Richtungen entwickelt. Und dass man sich heutzutage so ruhig und aufwandslos trennen kann, ist eine tolle Sache. Man hängt nicht mehr auf Gedeih und Verderb fest. Klar, eine Ehe ist vermutlich noch einmal etwas anderes (für so ein Commitment war ich immer zu scheu), aber generell ist es meiner Meinung nach für alle Beteiligten ein Segen, wenn man Freiheit hat, sich zu trennen.
    Leider sind viele Frauen auch heute noch finanziell nicht so abgesichert, wie es gut wäre. Zum Glück gibt es da aber auch Abhilfe: https://editionf.com/Was-finanzielle-Abhaengigkeit-fuer-Frauen-bedeuten-kann-und-wie-du-dich-schuetzt

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  2. Ach Mensch, fühl dich mal gedrückt. Trennungen sind immer schlimm und nach so einer langen Zeit stelle ich mir das noch vie viel schwerer vor…. Es ist gut das du dich im Kopf bereits gelöst hast, oder “objektiv“ handelst & denkst. Das es sich allderings komisch und vielleicht doch nicht richtig anfühlt, kann ich verstehen. Nur weil es die beste Entscheidung ist heißt es nicht das es einfach ist loszulassen. Dennoch denke ich das es trotzdem für Dich die Richtige Entscheidung ist… wenn man sich auseinander gelebt hat ist da einfach nichts mehr was einen zusammenhalten kann.. auch wenn man das im Monent nicht verstehen will. irgendwann schaust du zurück und wirst sehen das es alles so sein sollte! :) Du bist eine tolle, starke Frau und du wirst es wieder schaffen positiver zu werden & zu denken…

    das mit den Gedanken lesen kommt mir momentan auch so vor… kaum denke ich irendwie bestimmte Sachen oder redete davon, schon kommt es in meinen Facebookfeed, oder auch auf anderen Seiten. Sehr mysteriös :/

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  3. Ich weiß so gut, wovon du schreibst. Ich habe mich nach 32 Jahren getrennt. Gekannt haben wir uns über 40 Jahre (mit Schule). Habe einen kompletten Neuanfang hingelegt mit Hausanteilverkauf, Umzug zu einem neuen Mann, neuem Leben, neuen Perspektiven. Noch heute erinnert mich irgendwas jeden Tag an meinen Exmann. So lange Beziehungen hinterlassen Spuren und gemeinsame Erinnerungen – und eine komplette Familie mit gemeinsamen Kindern, Schwägern, Schwägerinnen usw. Die Vergangenheit legt man nicht einfach so ab. Deshalb trage ich noch heute meinen „Familiennamen“ – also den meines Ex, weil meine Söhne eben auch diesen Namen tragen, obwohl ich zwischenzeitlich wieder geheiratet habe. Ich sage immer, dass ich nur eine echte, große Familie habe und das ist die, die ich mit meinem Ex gegründet und gelebt habe. Jetzt lebe ich ein anderes Leben, ein glückliches Leben, aber mit Familie verbinde ich nur die „alte Familiengeschichte“.
    Beste Grüße, Sigrid

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